Erinnerung und Mahnung


1. Oktober 2016 

Marina Caba Rall und ihr Roman „Esperanza” - ein spannender Nachmittag im Hufeisencafé

Dichtungen entstehen nur nach mühsamen Reisen in den weiten Gebieten des Denkens und der Gesellschaft (Honoré de Balzac).

Kein Stuhl war im Hufeisencafé in der Fritz-Reuter-Allee 44 mehr frei, als am Samstagnachmittag um 15 Uhr Marina Caba Rall die Besucher*innen zu einer literarischen Reise einlud und die Anwesenden nicht nur zum Denken, sondern auch zu einer regen Diskussion anregte.
Mit Hilfe von Auszügen umriss die Autorin wesentliche Themenkomplexe ihres im Frühjahr dieses Jahres erschienen Romans „Esperanza”. Marina Rall liest

Erzählt wird die Geschichte der spanischen Arbeitsmigrantin Esperanza, die in den 60er Jahren nach Berlin kommt. Wir erfahren die Gründe für ihre Auswanderung aus einem Dorf in der spanischen Provinz Extremadura, die eng mit der Diktatur des Franco-Regimes verbunden sind. Wir lernen aus ihren Erfahrungen das Erleben der „Gastarbeiter”-Situation in der Bundesrepublik dieser Zeit kennen, die Momente der unwürdigen Behandlung, die auf ihrer als Arbeitskraft reduzierten Rolle beruhten, aber auch die Wandlung zu einem anerkannten Teil der Gesellschaft. Die Wertschätzung als Kollegin im Betrieb und im privaten Bereich, die Gründung einer Familie, alles dies weist auf den Umstand hin, dass Menschen mehr sind als Produktionsmittel. Sie sind Wesen mit Verstand und Gefühl, die soziale Bezüge brauchen und diese suchen und finden.
Doch die Erzählung zeigt auch, dass es immer das ganze Leben ist, durch das der Mensch geprägt ist. Ohne die Vergangenheit ist das Leben in der Gegenwart nicht möglich.
Die verschwiegenen Erlebnisse der Franco-Ära holen Esperanza wieder ein und zwingen sie zur Offenbarung gegenüber ihrer Familie. Ihr Schweigen ist in diesem Fall kein Gold, sondern führt zu einer schmerzhaften Auseinandersetzung, die sie sowohl mit ihrer Familie als auch mit sich selbst führen muss.
Buchtitel Esperanza Die Erzählung umfasst lediglich einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben Esperanzas, eine sich über mehrere Tage erstreckende Reise in ihr spanisches Heimatdorf.
Die Autorin verfolgt keinen chronologischen Erzählstrang. Vielmehr werden dem Leser mit Hilfe häufiger Rückblenden immer wieder Bruchstücke der Vergangenheit vermittelt. Auf diese Weise wird die Spannung gehalten und gesteigert. Schrittweise fügen sich diese Fragmente zu einer Lebensgeschichte, zu einem Ganzen zusammen. Dabei werden die Versatzstücke nicht nur aus der eigenen Erinnerung Esperanzas vermittelt, sondern auch aus der Perspektive ihrer Tochter Karla und ihres Sohnes Juan.
Auf diese Weise gelingt es Marina Caba Rall in nachhaltiger Weise zu zeigen, dass Persönlichkeitsentwicklung und Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie untrennbar verbunden sind und wie sehr das Fliehen vor der eigenen Geschichte auch die kommende Generation noch trifft und betrifft. Gleichzeitig macht sie aber auch deutlich, dass dieser Prozess sich nicht auf den privaten Bereich von Einzelschicksalen beschränken kann, sondern die Aufarbeitung von Vergangenheit entsprechend ihrer gesellschaftlichen Bedeutung auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene betrieben werden muss.

Ein Blick in das Publikum Mit diesem Buch mischt sich die Autorin sowohl in die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Franquismus in Spanien als auch in die Migrationsdebatte in Deutschland ein.
In der anschließenden mehr als einstündigen Debatte wurde nicht nur über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und in Spanien diskutiert, sondern auch die aktuelle Migrationsdebatte in Deutschland mit den darin enthaltenen Assimilations- und Integrationsansätzen kritisch aufgegriffen. Hier wies Marina Caba Rall darauf hin, dass sie den Begriff Integration nur ungern benutzt. Dieser fordert nur Anpassung von einer Seite, das reale Leben vollzieht sich jedoch - und das hat die Geschichte eindrücklich belegt - in einer anderen Art und Weise. Es sollte statt Integration lieber das Wort Interaktion verwendet werden. In Deutschland wird oft so getan, als gäbe es eine monolithische Kultur. Das sei Unsinn. In Deutschland gibt es verschiedene Werte, es gibt Leute, die glauben, es gibt Leute, die nicht glauben, es gibt Leute, die protestantisch sind, es gibt Leute, die Buddhisten geworden sind, es gibt verschiedene politische überzeugungen, es gibt Spätzle und Knödel und Kebab und Gulasch. Man tut so, als wäre Deutschland ein einheitlicher Werteblock. Dem ist aber nicht so! Man sollte also mehr über Interaktion reden, davon reden, wie man sich gegenseitig befruchten kann.

Umfang und Qualität der Diskussion ergaben ein eindeutiges Urteil über das Buch.
Es lautet: UNBEDINGT LESENSWERT.

Hufeisern gegen Rechts bedankt sich bei dem Verein der Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung Berlin-Britz für die Nutzungsmöglichkeit der Räumlichkeiten.

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23. September 2016 

Stolpersteinverlegung für Georg Obst

Etwa 40 Personen gedachten anlässlich der Verlegung eines Stolpersteins vor seinem letzten Wohnort am Freitag, dem 23. September 2016, dem sozialdemokratischen Antifaschisten Georg Obst.
Der frisch verlegt Stolperstein für Georg Obst
In Anwesenheit von mehreren Mitgliedern des Abgeordnetenhauses und der Neuköllner BVV betonten Bildungsstadtrat Jan Christopher Rämer sowie der SPD-Bundestagsabgeordnete Christoph Strässer die Bedeutung dieser Erinnerungskultur für den Erhalt und den Ausbau einer streitbaren Demokratie. Bei allen politischen Unterschieden müsse es eine Gemeinsamkeit unter den demokratischen Kräften geben: den Willen zum gemeinsamen Kampf gegen die wiedererstarkende politische Rechte in der Bundesrepublik.
Stadttrat J.-Ch. Rämer Ihren Einsatz für Demokratie und soziale Gerechtigkeit hätten Menschen wie Georg Obst mit dem höchsten Preis, ihrem Leben, bezahlt. Damit hätten sie uns eine Verpflichtung mit auf den Weg gegeben: Demokratie werde nicht nur in Wahlen und Parlamenten betrieben, sondern auch im alltäglichen Leben dürfe der einzelne bei rassistischen und nationalistischen Äußerungen nicht schweigen, sondern müsse ihnen entgegentreten.

Der aus Münster mit seiner Familie angereiste 83-jährige Sohn Bernd Obst dankte noch einmal der Anwohner*inneninitiative Hufeisern gegen Rechts für die Würdigung seines Vaters. Er sei überrascht gewesen, dass sich nach so langer Zeit noch einmal jemand an ihn erinnert habe und ihm die verdiente Anerkennung bekunde.

Das Bild der Veranstaltung wäre unvollständig, wenn nicht auf die musikalische Begleitung durch Isabel Neuenfeldt hingewiesen würde, die zwischen und nach den einzelnen Reden demokratische Lieder zum Akkordeon sang. J. Koglin, Ch. Strässer, B. Obst
Dabei blieb sie nicht allein. Als sie das Arbeiterlied „Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘„ anstimmte, sang ein Großteil der Anwesenden mit.  I. Neuenfeldt Auch das abschließende Volkslied „Die Gedanken sind frei”, entstanden Ende des 18. Jahrhunderts, klang im vielstimmigen Chor als eine Ansage der Versammelten gegen Intoleranz und Engstirnigkeit durch die Gielower Straße.

Die Ehrung setzte sich am Abend mit einer Diskussionsveranstaltung über den sozialdemokratischen Widerstand fort. In dem bis auf den letzten Platz gefüllten Hufeisen-Café in der Fritz-Reuter-Allee 44 diskutierten die Teilnehmer*innen mit dem Referenten R. Wenzel von der August-Bebel-Stiftung über die verschiedenen Widerstandsformen innerhalb der SPD in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft.
Doch es blieb nicht nur bei der historischen Betrachtung, sondern auch die Frage nach Lehren der Geschichte für die heutige Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus und Rechtspopulismus wurde thematisiert.
Es herrscht Einigkeit darüber, dass diese Diskussion fortgesetzt werden müsse, um über den Anspruch eines gemeinsamen Vorgehens gegen rechte Parteien und Gruppierungen hinaus praktische politische Handlungen auszuloten, mit denen dieser Anspruch in Neukölln umgesetzt werden könne.

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10. Juli 2016 

Schon eine kleine Tradition

Gedenken an Erich Mühsam

Auch im Jahr 2016 gedachte die Anwohner*inneninitiative Hufeisern gegen Rechts mit vielen Gästen an den Dichter und Revolutionär Erich Mühsam. Anlass war die Ermordung Erich Mühsams durch die Nationalsozialisten vor 82 Jahren im KZ Oranienburg.

Gedichtvortrag vom singenden Tresen Den künstlerischen Rahmen gestaltete die Gruppe Der singende Tresen mit ihrem literarisch-musikalischen Programm Mühsamblues.


Erich Mühsam zog 1927 in die neuerbaute Hufeisensiedlung in Neukölln-Britz in die Dörchläuchtingstr. 48 ein und beteiligte sich bis zu seiner Verhaftung am 27. Februar 1933 aktiv am gesellschaftlichen Leben in der Hufeisensiedlung. Liedervortrag vom singenden Tresen

Seine entschlossene Haltung gegen Krieg und Rassismus und für soziale Gerechtigkeit hat angesichts der aktuellen Entwicklung auch heutzutage nichts an Bedeutung verloren.

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20. April 2016 

Rückblick auf den Vortrag und die Diskussion mit Prof. Dr. Rüdiger Hachtmann (TU Berlin und Zentrum für zeithistorische Forschung Potsdam)

Der Vortrag in den Räumen der Berliner Stadtmission war sehr gut besucht. Prof. Hachtmann informiert zu Beginn, dass er auf keine Forschungen zu Zwangsarbeit in Britz eingehen kann.
Er berichtet über die Deutsche Arbeitsfront als mitgliederstärkste NS-Massenorganisation, macht Ausführungen zum Begriff Zwangsarbeit und informiert darüber, dass 1933 die Gewerkschaftsbewegung zerschlagen und die Betriebsräte abgeschafft wurden. Er erklärt, dass man sich die gesamte Gesellschaft im sog. „Altreich”, vor allem aber die Arbeiterschaft als rassistisch gestufte Hierarchie vorstellen muss, in der Arbeitskräfte nach ihrer nationalen Zugehörigkeit, d.h. entsprechend ihrem „Wert” nach angeblicher Rasse eingestuft wurden.

Der Vortrag ist in vier Teile gegliedert:

Teil 1: „Zivile” Fremdarbeiter (die hinter dem Adjektiv „zivil” steckende Freiwilligkeit war seit 1941 fast aufgehoben).
Die Fremdarbeiter waren mit Abstand die größte Gruppe unter den ausländischen Arbeitsnehmern, die zwischen 1938 und 1945 im sog. Altreich für die deutsche Kriegsführung und die deutschen Rüstungsunternehmen schufteten, und zum anderen, weil sie die Bewohner der sog. Fremdarbeiterlager waren.

Teil 2: Hier geht es um die Kriegsgefangenen, die zur Arbeit in der Industrie gezwungen wurden.
Ein kleiner Teil wurde daher von 1942 bis 1944 in den so genannten Zivilstatus überführt und als Fremdarbeiter eingesetzt.

Teil 3: In diesem Teil werden die KZ-Häftlinge behandelt, und zwar deren industrieller sog. Arbeitseinsatz ab 1943.
Die Zwangsarbeit von Menschen, die von den Nazis nach rassistischen Kriterien als „Juden” klassifiziert wurden, wird aus Zeitgründen ausgeklammert. Prof. Hachtmann merkt hier an, dass der sog. Arbeitseinsatz für „Juden” immer nur ein Aufschub der Vernichtung war.

Teil 4: Prof. Hachtmann geht hier kurz auf Berlin und Britz ein.
Auch in Britz existierten nachweislich 47 Zwangsarbeiterlager, mindestens zwei davon im Bereich der Hufeisensiedlung. Belegt ist außerdem die Beschäftigung von Zwangsarbeiter*innen in Kleinbetrieben und Privathaushalten der Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung.

Prof. Hachtmann zitiert die Journalistin Ursula von Kardorf (1944): „über den Bahnhof Friedrichstraße mit seinen breiten Treppen, die in eine Art Unterwelt führen (…). Dort ist es so, wie ich mir Shanghai vorstelle. Zerlumpte malerische Gestalten in wattierten Jacken mit den hohen Backenknochen der Slawen, dazwischen hellblonde Dänen und Norweger, fahle, frierende Italiener – ein Völkergemisch, wie es wohl noch nie in einer deutschen Stadt zu sehen war. Fast ausschließlich Ausländer sind da unten, Deutsch hört man kaum.”

Foto der Veranstaltung am 20. April 2016 Der Vortag endet mit diesem Zitat. Prof. Hachtmann erhält viel positive Resonanz von den Anwesenden. Anschließend gibt es eine längere lebhafte Diskussion und die Beantwortung vieler Fragen. Es ist ein sehr informativer Abend. Durch das während des Vortrags herumgereichte Handout und die einzusehende Literatur haben die Besucher Anregungen erhalten, sich weiter mit diesem Thema zu beschäftigen. Eine weitere Empfehlung ist der Besuch des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Oberschöneweide.

Hufeisern gegen Rechts dankt Herrn Professor Hachtmann sehr für diesen interessanten Vortrag und der Berliner Stadtmission, dass sie den Raum zur Verfügung gestellt hat.

Zum kompletten Vortrag

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15. November - 06. Dezember 2015 

Rückblick auf eine gelungene Ausstellung über Margarete Kubicka


Austellungseroeffnung am 15. November Drei Wochen lang, vom 15. November 2015 bis zum 6. Dezember 2015, gaben dreißig Originalbilder einen Einblick in das künstlerische Schaffen, aber auch in das Leben von Margarete Kubicka, die von 1927 bis 1956 in der Hufeisensiedlung gelebt hat. Ergänzt wurde die Ausstellung von drei Begleitveranstaltungen, in denen die Kunsthistorikerinnen Dr. Borek und Dr. Gluchowska sowie der Sohn der Künstlerin, Dr. Kubicki, tiefe und anschauliche Einblicke in die politische, künstlerische und persönliche Welt der Margarete Kubicka vermittelt haben.

Zeitleiste ueber Margarete Kubicka

Die Kubicka war eine erstaunliche Frau, die nicht nur Gründungsmitglied der deutsch-polnischen Expressionistengruppe „Bunt” (dtsch. Revolte) und der anarchistisch orientierten Künstlervereinigung „Kommune” war, sondern sie gehörte ab 1923 auch der von Franz Wilhelm Seiwert initiierten „Gruppe progressiver Künstler” an, in deren internationalen Ausstellungen ihre Bilder präsentiert wurden, so u. a. 1926 in Moskau und 1930 in Chicago. Zu ihrem weiten Freundeskreis zählten u. a. Otto Freundlich, Raoul Hausmann, Else Lasker-Schüler, Marc Chagall sowie Erich und Zenzl Mühsam. Als Antifaschistin - sie half nicht nur Zenzl Mühsam 1934 bei ihrer Flucht, sondern versorgte auch von 1941 bis 1945 polnische Zwangsarbeiter in Britz mit Lebensmitteln und Informationen - wurde sie unmittelbar nach der Vertreibung der Nationalsozialisten aus Neukölln im April 1945 die erste Neuköllner Schulrätin.

Besucher im Ausstellungsraum beim betrachten der Bilder Hufeisern gegen Rechts bedankt sich noch einmal bei Dr. Karol Kubicki und seiner Frau für die großartige Unterstützung bei der Vorbereitung und Durchführung der Ausstellung. Ein großes Danke-Schön gilt auch dem Verein der „Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung”, die als Betreiber des Hufeisen-Cafés nicht nur die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt und für die Bewirtschaftung gesorgt haben, sondern uns auch in organisatorischer Hinsicht, wie beim Auf- und Abbau oder in versicherungstechnischen Fragen, tatkräftig geholfen haben. Und schließlich danken wir auch den Besucherinnen und Besuchern, darunter auch drei ehemalige Schülerinnen von Margarete Kubicka, deren Interesse uns Mut gemacht hat, auch in Zukunft Veranstaltungen über markante Persönlichkeiten oder Ereignisse aus der Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung ins Auge zu fassen.

Margarete Kubicka ist 1927 mit ihrem Mann Stanislaw Kubicki und den zwei Kindern in die Onkel Bräsig Straße 46 gezogen und hat dort bis zum Jahr ihrer Pensionierung in 1956 gelebt. Die Ausstellung zeigte sowohl die beeindruckende künstlerische Vielfalt als auch das soziale und politische Engagement der Malerin und Lehrerin.

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9. November 2015 

Gedenken an den rechten Terror in unserer Siedlung!

Foto des Stolpersteins H. Uetzfeld Fünf Stolpersteine wurden bisher in der Hufeisensiedlung verlegt. Die Messingtafeln der in den Bürgersteig eingesetzten Steine beginnen alle mit den Worten: „Hier wohnte”. In diesen Häusern lebten Frauen und Männer, die von den deutschen Faschisten verfolgt, vertrieben und zum großen Teil ermordet wurden.

Hufeisern gegen Rechts nahm den 9. November, den Tag, an dem die Nationalsozialisten 1938 ein Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung in ganz Deutschland initiierten, zum Anlass, an die fünf Britzer Bürger/innen zu erinnern. Foto des Stolpersteins R. Peter Am 9. November haben wir - stellvertretend für alle Opfer rechter Gewalttaten - dieser fünf Menschen und ihrer Geschichte gedacht, indem wir mit Lichtern und kleinen Informationstexten ihre Namen und ihre Haltung sichtbar machten:

Rudolf Peter, Gielower Str. 32c
Heinrich Uetzfeld, Parchimer Allee 7
Gertrud Seele, Parchimer Allee 75
Stanislaw Kubicki, Onkel-Bräsig-Str. 46
Hans-Georg Vötter, Onkel-Bräsig-Str. 111

Mögen Licht und Erinnerung uns eine Mahnung sein!

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13. September 2015 

Tag der Erinnerung und Mahnung - Aktionstag gegen Rassismus, Neonazismus und Krieg

Überlebende der Konzentrationslager und Zuchthäuser begründeten vor 70 Jahren die Tradition, am zweiten Sonntag im September der Opfer des Faschismus zu gedenken. Das in „Werner-Seelenbinder-Kampfbahn” umbenannte Neuköllner Stadion vereinte am 9. September 1945 Zehntausende Berliner*innen, darunter Frauen und Männer unterschiedlicher Gruppierungen des deutschen Widerstandes, Überlebende des Holocaust sowie Angehörige und Freunde der in der NS-Zeit Ermordeten.
Als Tag der Erinnerung und Mahnung - Aktionstag gegen Rassismus, Neonazismus und Krieg - verbindet er seit dem 9. September 1990 das Gedenken an die Opfer des Nazi-Regimes mit wichtigen Debatten in der Gegenwart.

Am 13. September 2015 nahm Hufeisern gegen Rechts mit einem eigenen Stand am Fest der Begegnung im Schillerkiez, organisiert durch die VVN-BdA, teil und konnte auf der Bühne interessante Beiträge verfolgen und die Atmosphäre genießen.

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1. - 16. Mai 2014 

Rückblick auf die Ausstellung über Stanislaw Kubicki

Vom 1. bis zum 18. Mai 2014 luden Hufeisern gegen Rechts und die Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung Berlin-Britz e.V. gemeinsam zu einer Ausstellung ein.
Ergänzt wurde die Ausstellung von drei Begleitveranstaltungen, in denen die Kunsthistorikerinnen Dr. Borek und Dr. Gluchowska sowie der Sohn der Künstlerin, Dr. Kubicki, tiefe und anschauliche Einblicke in die politische, künstlerische und persönliche Welt der Margarete Kubicka vermittelt haben.

Stuhl mit Unterlagen zur Ausstellung

Hier wurde der Graphiker, Maler und Schriftsteller Stanislaw Kubicki geehrt, der von 1927 bis 1934 in der Hufeisensiedlung wohnte, bevor er vom deutschen Faschismus bedroht ins polnische Exil ging. Dort schloss er sich 1939 dem polnischen Widerstand an.
Der 1942 von der Gestapo in Warschau ermordete Künstler hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, das ihn als einen bedeutenden Vertreter des Expressionismus und Konstruktivismus ausweist. Geprägt von der deutschen und polnischen Kultur war ihm nationale Enge fremd. Seine Vorstellungen entsprachen eher einer Welt, in der der Mensch als Teil der Natur in dieser aufgeht, indem er sie als ebenbürtig ansieht und entsprechend achtungsvoll mit ihr umgeht.
Blick in einen Austellungsraum

Umrahmt wurde die Ausstellung von 4 Begleitveranstaltungen:

  • Am Donnerstag, dem 1. Mai 2014 fand um 15.00 Uhr die Eröffnung der Ausstellung im Hufeisencafé statt. Der Sohn von Stanislaw Kubicki, Dr. Stanislaw Karol Kubicki, gab einen Einblick in die Persönlichkeit des Künstlers und einen Überblick über seinen Lebensweg.
  • Am Sonntag, dem 4. Mai 2014, um 15.00 Uhr hielt die Kunst- und Kulturhistorikerin Dr. Lidia Gluchowska in der Seniorenfreizeitstätte „Bruno-Taut” einen einleitenden Vortrag „Stanislaw Kubicki - Bilder und Hintergründe” und führte anschließend durch die Ausstellung.
  • Am Sonntag, dem 11. Mai 2014, um 15.00 Uhr trugen im Hufeisencafé die Schauspielerin Laura Schwickerath und der Schauspieler Przemyslaw Walkowicz zweisprachig verfasste Gedichte von Stanislaw Kubicki aus den Jahren 1919 bis 1921 vor.
  • Am Sonntag, dem 18. Mai 2014, um 15.00 Uhr hielt der Kunsthistoriker Dr. Andreas Hüneke von der FU-Berlin einen Vortrag mit dem Titel „Verfemt und vernichtet. Das Schicksal von Künstlern und ihren Werken in der NS-Zeit.”
Besonderer Dank gilt Herrn Dr. Stanislaw Karol Kubicki, der nicht nur die Werke seines Vaters zur Verfügung stellte, sondern auch die Vernissage bereicherte und in der Vorbereitung unersetzbar war.

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Juli 2013 

Pflege des Mühsam-Gedenksteins

Säuberung des Mühsam-Gedenksteins Neben der Organisation des jährlichen Gedenktages übernahm die Anwohner*inneninitiative auch die Restaurierung der Tafel sowie die Bepflanzung und Pflege des Mühsam-Gedenksteins in der Dörchläuchtingstraße, in der Nähe seines ehemaligen Wohnhaus.
Anlass war die Ermordung Erich Mühsams durch die Nationalsozialisten vor 82 Jahren im KZ Oranienburg.

Herzlichen Dank für die ehrenamtliche Tätigkeit des Steinmetzes!

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April 2013 

Historische Kiezspaziergänge zu Orten von Verfolgung und Widerstand in der Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung

Vor 80 Jahren änderte sich das Gesicht Deutschlands. Auch die Hufeisensiedlung blieb von der nationalsozialistischen Herrschaft nicht verschont.
80 Anwohner*innen wurden von den deutschen Faschisten verhaftet, vertrieben oder ermordet.
Doch es gab auch Beispiele von selbstloser Nachbarschaftshilfe für Bedrohte und Verfolgte, vom Widerstand Einzelner und von Gruppen in unserer Siedlung.
An diese Menschen wollten wir erinnern.

Wir besuchten ausgewählte Erinnerungsorte, an denen die bunte Vielfalt der Bewohnerschaft deutlich wird, die die Nationalsozialisten zu zerstören suchten. Maler und Schriftsteller; Juden, Christen und Atheisten; liberale Demokraten, Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten; Arbeiter, Angestellte, Handwerker und Intellektuelle; viele wollten sich nicht der menschenverachtenden Anschauung des deutschen Faschismus beugen. Aber auch Befürworter und Täter der nationalsozialistischen Diktatur wohnten hier. Gedenktafel Heinrich Vogler

Im April 2013 unternahm Hufeisern gegen Rechts einen historischen Kiezspaziergang. Geleitet wurde dieser von Henning Holsten, einem Mitarbeiter des Museums Neukölln, das zur selben Zeit die Ausstellung „Ende einer Idylle? Die Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933” präsentierte.

Aufgrund des großen Interesses der Anwohner*innen wurde der historische Kiezspaziergang wiederholt.

Ein besonderer Dank an das Museum Neukölln für diese informativen Führungen!

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Unbeugsame Frau 

Gertrud Staewen

Ein Leben im Dienste der Rechtlosen

Gertrud Staewen, geb. Ordemann (* 18. Juli 1894 in Bremen; † 10. Juni 1987 in Berlin) war eine deutsche Fürsorgerin, Erzieherin, Sozialpädagogin und Autorin.
Zeitlebens fühlte sie sich den gesellschaftlichen Außenseitern verpflichtet, sei es ihr Engagement für proletarische Jugendliche in den zwanziger Jahren, für Juden in der Zeit des Nationalsozialismus oder für Gefangene der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel, in der sie nach dem Krieg arbeitete.

Ihre Zeit in der Hufeisensiedlung
Gertrud Staewen zog 1928 zusammen mit ihren beiden Kindern in die Dörchläuchtingstraße 35 und lebte hier bis 1937. Die alleinerziehende Mutter passte mit ihren sozialpolitischen Interessen gut in den Kreis der Bewohner der Hufeisensiedlung, von denen viele Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre waren. Zunächst versuchte sie über das Schreiben ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. 1933 erschien ihr erstes Buch unter dem Titel „Menschen in Unordnung”, das sich mit sozialen Fragen vor allem der Arbeiterjugend auseinandersetzt. Es dauerte jedoch nicht lange und das Buch wurde von den Nationalsozialisten verboten. Ihre zweite Veröffentlichung „Kameradin. Junge Frauen im deutschen Schicksal 1910-1930” landete sofort nach Erscheinen 1936 auf dem Index. Ihre Mitgliedschaft in der SPD und ihr Engagement für Neuwerk waren Anlass für mehrere Hausdurchsuchungen durch die politische Polizei. Doch belastendes Material konnte nicht gefunden werden; die Haushaltshilfe von Gertrud Staewen, Wilhelmine Fuss, sorgte einmal unter Vortäuschung „großer Wäsche” noch rechtzeitig dafür, von ihr verfasste Broschüren und Schriften zu verbrennen.

Ihr Widerstand gegen das NS-Regime
Von Anfang an lehnte Gertrud Staewen das NS-Regime ab und war sich über die Ziele der Hitlerdiktatur im Klaren, so auch über die „Judenfrage”.

1941, kurz bevor die Deportationen von Juden in den Osten begannen, wurde Gertrud Staewen von der Dahlemer Gemeinde, zu der sie gehörte, von ihrer Arbeit im Burckhardthaus teilweise zur „besonderen Seelsorge” freigestellt. Sie sollte sich intensiv um die von der Deportation bedrohten getauften „Nichtarier” kümmern, vorrangig um Gemeindemitglieder. Die Arbeit bestand vor allem im Besuchsdienst sowie der praktischen und seelsorgerlichen Unterstützung bis zur Deportation.

Gleichzeitig kümmerte sie sich gemeinsam mit einer Gruppe von Freund*innen illegal um Untergetauchte. Sie organisierte gefälschte Ausweise und versuchte - häufig wirksam - durch Bestechungen Menschen freizukaufen, stahl oder kaufte unrechtmäßig Lebensmittelkarten und leistete Fluchthilfe. In einigen Fällen gelang sogar durch Geldzahlungen die Rettung aus dem KZ. Eine jüdische Ärztin, Luzie Adelsberger, wurde von ihr aus dem KZ, kurz vor dem Tod im Gas, durch Bestechung eines Polizisten freigekauft. Mit unglaublicher Kreativität entwickelte sie Ideen, mit denen sie Juden zur Flucht verhalf. So sammelte sie eine zeitlang überall Mutterkreuze ein, die Orden Hitlers für kinderreiche Mütter. Viele Frauen gaben diese für gefährdete Jüdinnen her. Einem anderen Juden verhalf sie zur Flucht, indem er einen Trauerfall mimte. So radelte er quer durch Deutschland in die Schweiz, am Lenker einen Trauerkranz, jeden Tag war für ihn ein Onkel im nächsten Dorf gestorben, womit er die Polizisten beeindrucken konnte. In Staewens eigener Wohnung lagen stets Monteursanzüge bereit, damit die Juden, die sie versteckte, bei Besuch als Handwerker auftreten konnten. Aufgrund einer Denunziation flog die Gruppe im Herbst 1943 auf. Die Freundinnen Helene Jacobs und Melanie Steinmetz sowie einige weitere Helfer wurden verhaftet, Franz Kaufmann wurde ermordet. Gertrud Staewen blieb unentdeckt.

Foto von Gertrud Staewen Auszeichnungen für ihr Lebenswerk
Ab 1948 bis zu ihrem Ruhestand 1962 war Gertrud Staewen Fürsorgerin im Männergefängnis Berlin-Tegel und als „Engel der Gefangenen” bekannt. 1958 nahm sie der Berliner Senat in die Liste der „Unbesungenen Helden” auf, eine Würdigung, die Menschen zuteil wurde, die Verfolgte während der Zeit des Nationalsozialismus unterstützt hatten. 1983 erhielt sie das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland. Gertrud Staewen starb 1987 im Alter von 92 Jahren in Berlin und liegt (auf eigenen Wunsch) in einem Doppelgrab neben Rudi Dutschke auf dem St. Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem begraben.

Quellen:

Museum Neukölln: Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933

Voigt, Ulrike: Eintrag: Gertrud Staewen in http://www.Frauen und Reformation.de

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Unbeugsame Frau 

Margarete Kubicka

Margarete Kubicka war nicht immer bequem, aber immer aufrecht und zuverlässig:
Margarete Kubicka hat in der Zeit von 1891 - 1984 gelebt. 1927 ist sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern in die Onkel-Bräsig-Straße 46 gezogen. Für das Ehepaar war es aus vielerlei Gründen der ideale Ort. Die Kinder konnten draußen spielen, Margarete Kukicka konnte als Lehrerin arbeiten und im Haus gab es ein kleines Arbeitszimmer für die Kunst. Margarete Kubicka hat dort bis 1956, dem Jahr ihrer Pensionierung, gelebt.

Margarete Kubickas Kinder; ihre Familie; die Zeit von 1926 bis 1945
1918 wurde ihre Tochter Janina geboren, ihr Sohn Karol 1926. Schule und familiäre Belastungen ließen ihr von 1926-1945 wenig Zeit, sich künstlerisch zu betätigen - die Familie bestimmte Ihr Denken. Insbesondere die Versorgung, der Schutz der Familie und die Rettung der Kunstwerke (ihres Mannes und die eigenen) hatten oberste Priorität. Um ihr Heim nicht allein zu lassen war sie zu allem bereit, sie täuschte eine Blinddarmentzündung vor und ließ sich den intakten Blinddarm entfernen. Die wenigen Arbeiten, die in dieser Zeit entstanden sind, beschäftigen sich mit ihrem Mann, ihren Kindern, der Britzer Umgebung und Menschen, denen sie auf der Straße begegnete. Trotz aller Schwierigkeiten blieb sie politisch aktiv.
Foto von Margarete Kubicka
Margarete Kubickas Ehe mit Stanislav
1911 lernte sie Stanislav Kubicki auf der Berliner Königlichen Kunstschule kennen und lieben. 1916 haben Sie gegen den Willen der Familien geheiratet. Beide Familien reagierten mit dem Bruch der Beziehungen. Sie wird von ihrem Sohn als das Haupt der Familie bezeichnet - sie hat das Geld verdient, den Ehemann unterstützt und gefördert - nicht nur mit Literatur, sondern auch finanziell. Dabei vertrat sie stets ihre eigenen künstlerischen und politischen Auffassungen. Heute würde man sie als emanzipiert bezeichnen. Margarete litt sehr unter der durch die Nationalsozialisten verursachten Trennung vom geliebten Mann. Nur unter Druck und um weiteren Repressalien zu entgehen, haben sie sich 1938 zur Scheidung entschlossen. Ihr Ehemann musste 1934 aus Deutschland flüchten. Er wurde 1942 in Warschau von der Gestapo ermordet.

Die Anarchistin, die Widerstandskämpferin; die Künstlerin
Schon während der Schulzeit beobachtete sie die Armut der Moabiter Arbeiterbewegung. Daraus entwickelte sich bei Margarete Kubicka eine Empörung über die ungerechten sozialen Verhältnisse in der Stadt. Sie stellte die Verbindung zur Zeitschrift Aktion her und beeinflusste die Gruppe mit ihren pazifistischen und linkskommunistischen Vorstellungen. Das zentrale Thema für Margarete war der Mensch - sie erzählte in ihren Bildern und Texten kollektive und individuelle Prozesse menschlichen Werdens, Denkens und Handelns. Sie engagierte sich in der kommunistischen Künstlergruppe Kommune. Der Faschismus veränderte das Leben von Margarete Kubicka. Das Haus der Kubickis in der Onkel-Bräsig-Straße wurde mehrfach von SA-Männern durchsucht und Bilder zerstört. Margarete wurde zwangsversetzt - behielt aber ihre Anstellung als Lehrerin. Auch das Ausmaß der Zerstörungen durch den Krieg und der Gemütsstand vieler Berliner bestätigten sie in ihrer Anschauung über den verbrecherischen Krieg und ihre antifaschistische Grundhaltung. Trotz des hohen Risikos hat sie polnische Zwangsarbeiter, die in der Nachbarschaft untergebracht waren, mit Lebensmitteln versorgt; sie hat Freunde, die sich illegal in Berlin aufgehalten haben, beherbergt; sie nahm an Treffen von linksorientierten Britzer Anwohnern teil, in ihrem Haus trafen sich Antifaschisten. Sie hat unter anderem Verbindung zu Theo Hausbach - Mitbegründer der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis. Es gibt eine Reihe von Bildern, die ihre ablehnende Haltung gegenüber der nationalsozialistischen Herrschaft dokumentieren. Von innerer Emigration kann in Bezug auf ihre Aktivitäten gegen die nationalsozialistische Barbarei nicht gesprochen werden. Für die Humanistin und Menschenfreundin war es eine Selbstverständlichkeit Menschen in Not zu helfen.

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Unbeugsame Frau 

Kreszentia (Zenzl) Mühsam

Kreszentia (Zenzl) Mühsam, geb. Elfinger (* 27. Juli 1884 in Haslach in Oberbayern - † 10 März 1962 in Ostberlin) führte bereits in jungen Jahren ein unangepasstes Leben, aufbegehrend gegenüber den herrschenden Machtverhältnissen. War sie zunächst ebenbürtige Gefährtin und verlässliche Verbündete Erich Mühsams bei der Durchsetzung gemeinsamer politischer Ziele, gestaltete sich ihr kämpferisches und tragisches Leben nach der Ermordung ihres Mannes als endlos wirkende Odyssee im Exil, mit dem einzigen Ziel der Rettung und Veröffentlichung des Nachlasses ihres Mannes.
Foto von Kreszentia Mühsam
Bewegte Zeiten in München
Als 5. Kind der Hopfenbauern und Gastwirte Creszentia und Augustin Elfinger wurde Zenzl mit etwa 16 Jahren in München als Dienstmädchen in Stellung gegeben. Sie hielt es meist nur wenige Monate an einer Arbeitsstelle aus, waren diese doch von Pflichterfüllung und Gehorsam geprägt. Doch Zenzl wollte sich nicht ducken. Mit 18 Jahren brachte sie ihren Sohn Siegfried zur Welt. Minderjährig und kaum den eigenen Unterhalt verdienend, musste sie ihn in Pflege geben. Den Namen des Vaters behielt sie zeitlebens für sich. Im Alter von 24 Jahren zog sie, offiziell als seine Hausangestellte, mit dem Maler und Bildhauer Ludwig Engler zusammen, denn eine wilde Ehe war nicht nur sittenwidrig, sondern ein Delikt. Im November 1913 freundete sie sich mit Erich Mühsam an, mit dem sie ein Ziel teilte: die Befreiung der Menschheit von Gewalt und Unterdrückung. Sie heirateten am 15. September 1915 und sie brachte Sohn Siegfried mit in die Ehe. 1918 stand sie an Erichs Seite auf den Barrikaden und rief mit ihm die Münchener Bevölkerung zur Beendigung des Krieges und zur Revolution auf. Nach kurzer Haft kämpfte sie von 1919 - 1924 für die Freilassung von Erich und anderer Räterevolutionäre. In dieser Zeit war sie bereits in der Roten Hilfe aktiv und organisierte außerdem eine Nähstube in München für die Opfer der Hungerkatastrophe 1920/21 in Russland.

Die Zeit in der Hufeisensiedlung
1927 zogen die Mühsams in die Dörchläuchtingstraße 48. Zenzl kümmerte sich um den Lebensunterhalt. Die Künstler und Schriftsteller (Verleger Leon Hirsch, Walter Kiaulehn, Heinrich Vogeler, Eheleute Kubicki) der Hufeisensiedlung trafen sich gerne bei ihnen zu angeregten Gesprächen - aber auch weil Zenzl legendär gut kochte. Ebenso verkehrten Wilhelm Pieck und Herbert Wehner im Hause. Die Nachbarkinder mochten besonders die Katze und Zenzls Kuchen. Sohn Siegfried Elfinger lebte und arbeitete von 1930 bis 1932 ebenfalls im Haus.

Mühsam Grabstein auf dem Waldfriedhof Dahlem.jpg Verfolgung, Flucht und Exil
Das offene Haus stand ganz oben auf der schwarzen Liste der Nationalsozialisten. Regelmäßig von anonymen Anrufern bedroht, wurden ihnen im Dezember 1932 die Scheiben eingeschlagen. Am 27. Februar 1933, am Tag des Reichstagsbrandes, wurde Erich verhaftet. Zenzl war sehr verzweifelt und die Nachricht verbreitete sich schnell in der Siedlung. Es gelang Zenzl, Erichs Werke in der Nachbarschaft zu verstecken, wie z.B. Notizbücher bei Lena Reichle. Am 10. Juli 1934 wurde Erich von der SS des KZ Oranienburg ermordet. Zenzl forderte eine öffentliche Untersuchung, was sie gleichsam in Gefahr brachte. Es gelang ihr immerhin, die Nazi-Justiz dazu zu bringen, Erichs Leichnam zur Beerdigung freizugeben. Sie wurde gewarnt, dass die Gestapo sie im Anschluss an die Beerdigung Mühsams verhaften wolle. Zur gleichen Stunde floh Zenzl u.a. unter Mithilfe von Margarete Kubicka illegal über die Grenze nach Prag. Dort veröffentlichte sie ihre Broschüre über Erichs Ermordung und bekam daraufhin die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Da die Umstände in Prag schlechter wurden und ihr zudem der KPD-Vorsitzende und vormalige Tischgast Wilhelm Pieck in der Sowjetunion die Veröffentlichung der Werke Mühsams zusicherte, reiste sie in Ermangelung an Alternativen im August 1935 nach Moskau. Nachdem sie den Nachlass Mühsams ins Land geholt hatte, wurde sie im April 1936 unter der Anklage "konterrevolutionärer trotzkistischer Aktivitäten" verhaftet. Was nun begann, war eine fast 20-jährige Leidensgeschichte, in der Verhaftungen, Flucht, Denunziation, Observation, Verbannung und Straflager ihr Leben bestimmten. Erst 1955, nach Stalins Tod, konnte sie nach fast 20 Jahren in die DDR ausreisen. Wie alle Überlebenden des Gulag musste sie hier eine Schweigeverpflichtung unterschreiben. Sie zog nach Ostberlin-Pankow in eine kleine Wohnung und wurde zeitlebens überwacht.

Der lange Weg bis zur Veröffentlichung Mühsams Nachlass
Es gelang ihr, in Moskau Mikrofilmkopien von Mühsams Schriften anzufertigten, die das ZK der SED aber unter Verschluss behielt. Zenzl kämpfte bis zu ihrem Tod um die Veröffentlichung. 1958 durfte eine kleine Auswahl von Gedichten erscheinen. Am 10. März 1962 verstarb sie. Erst nach fast 40 Jahren erschienen 1994 bei dtv erste Mühsam-Tagebücher, bis jetzt nur ca. fünf Prozent des Gesamttextes. Eine Online-Edition, begonnen 2011, wird voraussichtlich bis 2018 mit der kompletten Darbietung der erhaltenen Tagebücher abgeschlossen sein. 1992 wurde ihre Urne in das Ehrengrab von Erich Mühsam auf dem Dahlemer Waldfriedhof überführt.


Quellen:
Uschi Otten: „Den Tagen, die kommen, gewachsen zu sein”. Zur Lebensgeschichte der Kreszentia Mühsam. In: Der Bär von Berlin. Jahrbuch 2001 des Vereins für die Geschichte Berlins. Westkreuz-Verlag, Berlin 2001

Museum Neukölln: Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933

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